Was ist der Unterschied zwischen Kung Fu und Wu Shu?15.12.2015

Immer wieder werde ich gefragt: „Ist Wing Tai eigentlich noch Kung Fu“? Nun, um hier ein wenig Licht ins Dunkle zu bringen, ein paar Worte dazu.

Kung Fu

Wenn man über die Kampfkünste spricht, kommt man an dem Wort Kung Fu nicht vorbei.

Obwohl sich das Wort schon lange etabliert hat, spricht der Laie über Kung Fu, eigentlich Gong-Fu, als wenn es ein ganz bestimmter Stil wäre, aber auch oft über etwas mystisches, einer Energie, die sich zunächst nicht gleich erklären lässt.

Dabei geht es zunächst jedoch vielmehr um eine innere Haltung, gegenüber einer auszuübenden Tätigkeit, welche als Kung Fu / Gong-Fu bezeichnet wird, als um die Kampfkünste an sich. 

Es handelt sich dabei um einen inneren und äußeren  Lernprozess, indem man sich einer Kunstfertigkeit  widmet, die viel Zeit, Geduld, Fleiß und Hingabe erfordert.

Im Kung Fu / Gong Fu als solches, gibt es kein Ziel, das es zu erreichen gibt, denn der Weg zum Ziel ist hier der Weg selbst. 

Wer dies missversteht, wird sich kurz- oder langfristig selbst enttäuschen und in eine Ego-Falle geraten, denn der größte Kampf findet in unserem Innern statt, um uns selbst zu besiegen.

Und genau darum geht es in der Kampfkunst. 

Ein Ziel ist oft ein Wunsch mit Datum. 

Davor aber, sollte man sich in Acht nehmen, um nicht einem Selbstbetrug oder Täuschung zum Opfer zu fallen.

In der Kampfkunst, wie auch im Leben selbst, wissen wir, dass das  Lernen wie Rudern gegen den Strom ist. 

Sobald wir damit aufhören, beginnt der Rückschritt. 

Stillstand ist der größte Feind des Lebens. So lange wir Leben, lernen wir und sollten froh darüber sein, jeden Tag aufs Neue, Erkenntnisse zu gewinnen, um diese auch miteinander teilen zu können um uns daran zu erfreuen.

Genau das ist es, was wir als Wing Tai Kampfkunstlehrende tun. Wir lassen auch den Schüler an unserem eigenen Weg teilhaben. 

  

 

In den äußeren und inneren Kampfkünsten, zu der sich im fortgeschrittenen Stadium auch das Wing Tai zählt, geht es um den inneren Frieden und Harmonie. Den inneren Kampfkünsten ist es wichtig, das Zentrum zu stärken und die innere Mitte zu finden. 

Man macht Gong Fu für sich selbst und nicht für jemand anderen. Gong Fu, wie es die Chinesen sagen, bedeutet, sich eine Fähigkeit anzueignen, für die man viel Zeit und Energie investieren muss. Im Gong Fu wissen wir, dass es ohne Verlust keinen Gewinn gibt. Die Kampfkunst fordert von uns viel Hingabe, um sich einen starken Willen anzueignen. 

Wenn wir den Körper und Geist schulen, ja verändern wollen, müssen wir möglicherweise, auf der körperlichen Ebene, die Muskeln, Knochen, Sehnen und Bänder einem konstruktiven Schmerz aussetzen, den wir ertragen müssen, sonst gibt es keine Transformation.  Dies gilt für den Geist gleichermaßen. 

Als Gong wird die Energie, die Kraft, die dadurch hervorgeht, bezeichnet. Es steht für eine positive Art von Fähigkeit,  Macht, Erfolg, Arbeit und Ergebnis. 

Das Wort Fu steht ganz allgemein für uns Wesen, den Mensch, für den Weg ein ehrenhafter, tugendhafter Mensch zu werden.

„Kung Fu / Gung Fu ist also die Arbeit an uns selbst.“

Wenn wir uns mit Gong Fu (Wing Tai) beschäftigen und es erlernen wollen, gehen wir eine Verpflichtung mit uns selbst ein.  
Sind wir nicht bereit uns Zeit für uns selbst zu nehmen, ist Gong Fu nicht das Richtige für uns.  

Sollten wir der Bequemlichkeit zum Opfer fallen und Trägheit den Alltag bestimmen lassen, können wir unsere Schwächen nicht in Stärken verwandeln.  

„Im Gong Fu / Wing Tai geht es also um Wandlung und Transformation.“
Wir dürfen Gong Fu nicht als eine Ablenkung, Beschäftigung oder gar Unterhaltung von unserem Alltäglichen sehen. Im Gegenteil, gerade hier geht es um uns selbst und wie wir mit uns umgehen. 

Durch Gong Fu und den des Wing Tai als Kunstfertigkeit, sollte man stets seine körperlichen und geistigen Fähigkeiten verbessern. Dies macht die Kampfkunst zu einer Wissenschaft, ja zu einer Lebenskunst. Dabei kann die Motivation und das Bestreben eine Fähigkeit erreichen zu wollen, ganz unterschiedlich sein. Doch eines ist gewiss: 

In der Kampfkunst handelt es sich um Selbsterziehung und Selbsterforschung.                          

Es geht um die eigene Selbstverwirklichung. 

Wer Gong Fu als eine Lebenseinstellung richtig versteht, es im Inneren wirklich ernsthaft betreibt, geduldig mit sich selbst ist, ausdauernd im Tun und bereit ist Energie und Zeit für sich zu investieren, den wird Gong Fu mit sich selbst in Einklang bringen.   

Genau das ist gemeint, wenn wir in den Kampfkünsten „vom Weg als Ziel“ sprechen.

Die daraus resultierende Belohnung und Willensstärke, welche wir durch die Beständigkeit und Anstrengung erfahren, kann für uns von großer Bedeutung werden und von unermesslichem Wert, welcher mit Geld nicht zu bezahlen ist. 

Man sagt wirkliche Kampfkunst geht immer von Herz zu Herz, weil man beim eigenen Lernen merkt und versteht wieviel Herzblut, Fleiß und Hingabe auch der eigene Lehrer investieren musste.      

Wu Shu

Als Wu Shu werden, ganz allgemein, die chinesischen Kampfkünste bezeichnet.
Durch die Ausübung von Wu Shu, wird das Erlangen und Erreichen von Gong Fu unterstützt. 

Beides geht dabei Hand in Hand. 

Durch Kung Fu = der Arbeit an uns selbst, lernen wir Wu Shu, die Kampfkunst. Und durch Wu Shu = der Kampfkunst, lernen wir wiederum Kung Fu / Gong Fu.  

„In unserem Falle ist es die Kunst des Wing Tai.“                   

Ohne Kung Fu / Gong Fu kein Wu Shu / Wing Tai und ohne Wu Shu / Wing Tai kein Gong Fu. 

So bedingt das Eine, wie Yin und Yang, das Andere.
Wu = bedeutet Kampf, Shu = steht für die Kunst oder Technik. 
Wu Shu ist also demnach gleichzusetzen mit Kampf-Kunst oder Kampftechnik. 
Doch viel wichtiger ist die dahinter stehende Philosophie des Ganzen.   

Das Wort Wu des chinesischen Schriftzeichens setzt sich aus zwei eigenständigen Schriftzeichen zusammen, welche als Zhi bezeichnet werden.

Man übersetzt sie als etwas aufhalten, aufhören oder beenden können bzw. wollen. Das andere Schriftzeichen ist Ge, welches auf einen Speer bzw. auf eine Waffe im Allgemeinen hindeutet. 

Auch bedeutet es, dass die Philosophie und der Sinn hinter den Kampfkünsten nicht im Angriff zu finden ist, sondern in der Verteidigung.  

Dies ist ganz im Sinne, des von mir entwickelten 

Protection Concepts des Wing Tai

welches ich auf unsere heutige moderne Zeit beziehe.  

Dass das Ziel in der Verteidigung und eben nicht im Angriff steckt, war eines der Hauptkriterien, welche ich in all den Jahren der Entwicklung des Protection Concepts immer wieder berücksichtigt habe.

So kann man sagen dass ein Kung Fu bzw. Wu Shu Lehrer (für uns heute ein Protection Concepts Coach) jemand ist, der Gewalt vermeiden möchte.

Hierfür ist es allerdings auch notwendig, sich darin auszukennen.

In Kriegerischer Sicht des Wu Shu ist es jemand, der versteht den Krieg (Speer), meiner Meinung nach den Kriegsspeer, zu führen, den Kampf zu verhindern, ihn aufzuhalten, wenn möglich wenig Schaden zuzufügen, oder auch den Kampf schnellstmöglich zu beenden. 

Ein Kampfkunstmeister sollte uns lehren uns selbst zu helfen, aber auch uns vor uns selbst zu schützen. 

Er sollte jemand sein, der es versteht und aufzeigen kann, jemanden den geringstmöglichen Schaden zuzuführen, anstatt den ihm größtmöglichen.

 

Herzlichst,                                                                                    

Euer Ong-Tai H. Pfaff  

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